Wenn Leistung kippt: Warum Konflikte deine Einladung zum
neuen Flow sind
Von Volker Ehmann, Führungskräftetrainer, Lebensberater und Alphalaufcoach
In der modernen Arbeitswelt, die von hohem Tempo und stetigem Druck geprägt ist, werden Konflikte reflexartig als Störfaktoren oder gar als persönliches Versagen interpretiert. Diese Sichtweise ist nicht nur psychologisch belastend, sondern aus neurowissenschaftlicher Perspektive schlichtweg unpräzise. Ein Konflikt ist kein Defekt, sondern ein hochsensibles, biologisches Signal des Systems. Er meldet sich exakt an jenem Punkt, an dem die äußeren Leistungsanforderungen und die innere Regulationsfähigkeit nicht mehr in Balance stehen. Wer dieses Signal zu lesen lernt, transformiert den Konflikt vom Bremsklotz zum wichtigsten Kompass für nachhaltige Leistungsfähigkeit und gesunde Führung.
Die Biologie der Dysregulation: Warum Druck nicht das Problem ist
Leistung ist untrennbar mit einem gewissen Maß an Druck verbunden. Dieses Prinzip ist im Yerkes-Dodson-Gesetz verankert, das die optimale Erregung für maximale Performance beschreibt. Ein gesunder Druck aktiviert den präfrontalen Kortex (PFC) – unser Zentrum für Planung, Entscheidungsfindung und kognitive Kontrolle – und ermöglicht fokussiertes, wirksames Handeln.
Das eigentliche Problem entsteht, wenn dieser Druck nicht mehr reguliert wird. Neurowissenschaftlich betrachtet, schlägt unser internes Überwachungssystem, der anteriore cinguläre Cortex (ACC), Alarm. Die Conflict Monitoring Theory von Botvinick et al. [1] beschreibt, wie der ACC ständig die Informationsverarbeitung auf Widersprüche scannt. Wird der Konflikt zu intensiv oder die Regulation vernachlässigt, kippt die Wirksamkeit. Das System schaltet vom Modus der bewussten Führung in den Überlebensmodus. In diesem Zustand dominiert die Amygdala, das emotionale Alarmzentrum, während die rationale Steuerung des PFC eingeschränkt wird.
Konflikte sind kein persönliches Versagen. Sie sind ein Signal, dass Leistung und innere Regulation nicht mehr zusammenpassen.
Die Einladung des Konflikts ist daher nicht, den Druck zu vermeiden, sondern die fehlende Nachjustierung im System zu erkennen und zu beheben.
Wo Konflikte entstehen: Die systemische Inkongruenz auf drei Ebenen
Konflikte entstehen nicht durch andere Menschen. Sie entstehen im System des Individuums, wenn drei zentrale Ebenen auseinanderlaufen und eine innere Inkongruenz erzeugen. Was wir im Außen erleben, ist lediglich die Manifestation dieser inneren Spannung.
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Ebenen |
Beschreibung der Dysregulation |
Neurowissenschaftliche & Psychologische Korrelation |
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Körper |
Spannung, Müdigkeit, Daueranspannung. Der Körper ist der erste Resonanzraum für Stress. Die chronische Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt zu einer ständigen Bereitschaft zur Flucht oder zum Kampf. |
Erhöhte Kortisol-Ausschüttung, Aktivierung der Amygdala, Reduktion der Herzfrequenzvariabilität (HRV). |
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Geist |
Grübeln, innere Dialoge, Rechtfertigung. Die mentale Energie wird in die Vergangenheit (Rechtfertigung) oder in sypothetische Zukunftsszenarien (Sorgen) gelenkt, statt in die Gegenwart. |
Übermäßige Aktivität in der Default Mode Network (DMN), die mit Selbstbezug und Grübeln assoziiert ist.
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Haltung |
Rolle, Verantwortung, Wertekonflikte. Das Handeln steht im Widerspruch zu den eigenen Kernwerten (wie Sicherheit, Loyalität, Authentizität). |
Kognitive Dissonanz, die zu einem erhöhten Bedarf an kognitiver Kontrolle führt und die Entscheidungsfindung lähmt. |
Der Konflikt entsteht innen, nicht außen. Was innen lange angespannt ist, zeigt sich irgendwann im Außen als Reizbarkeit, Rückzug oder Eskalation. Der Konflikt entsteht nicht im Gespräch – er zeigt sich dort.
Flow als Ergebnis bewusster Führung, nicht als Dauerzustand
Der Zustand des Flows, wie ihn Mihály Csíkszentmihályi [2] definierte, ist der Inbegriff optimaler Erfahrung. Es ist der Moment, in dem Herausforderung und eigene Fähigkeiten perfekt ausbalanciert sind. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Flow mit einem Phänomen namens Transient Hypofrontality einhergeht [3].
Dabei wird die Aktivität des PFC temporär reduziert. Das paradoxe Ergebnis: Das Gehirn arbeitet effizienter, weil die ständige Selbstüberwachung und die inneren Dialoge (das Grübeln) verstummen.
Konflikte belasten nicht, weil zu viel Druck da ist. Sie belasten, weil zu wenig reguliert wird. Flow entsteht nicht durch bloßes Durchhalten, sondern durch die bewusste Führung von Energie, Anspruch und Tempo
1. Schritt: Den inneren Konflikt lesen lernen
Der erste Schritt zur Konfliktbewältigung ist die Wahrnehmung. Führungskräfte müssen lernen, die leisen Signale des Körpers und Geistes frühzeitig zu lesen, bevor sie sich im Außen manifestieren..
Körper-Check: Wo sitzt die Spannung? Schultern, Kiefer, Magen?
Gedanken-Check: Welche inneren Dialoge laufen ab? Bin ich im Rechtfertigungsmodus?
Werte-Check: Steht mein aktuelles Handeln im Einklang mit meinen Kernwerten (Sicherheit, Loyalität, Authentizität)?
2. Schritt: Regulation statt Eskalation
Ist das Signal erkannt, muss das Nervensystem reguliert werden. Hierbei ist die körperliche Bewegung ein neurobiologischer Schlüssel. Bewegung, insbesondere rhythmische und sanfte Formen wie der Alphalauf, signalisiert dem Gehirn Sicherheit. Die Aktivität der Amygdala wird gedämpft, und der PFC erhält wieder die Kontrolle über die Situation.
3. Schritt: Den Flow neu ausrichten
Die Erkenntnis aus dem Konflikt dient als Grundlage für die Neuausrichtung. Es geht darum, die eigenen Ressourcen (Energie) und die Anforderungen (Anspruch und Tempo) neu zu justieren. Dies ist der Moment der gesunden Führung, in dem wir bewusst entscheiden, welche Aufgaben wir delegieren, welche Grenzen wir setzen und welche Werte wir im Handeln priorisieren.
Erwartungen anderer erfüllen
Fazit: Die Einladung zur Meisterschaft
Konflikte wollen weder gewonnen noch vermieden werden. Sie wollen verstanden werden. Sie sind die Wächter deiner Authentizität und Leistungsfähigkeit. Wer früh wahrnimmt und nachjustiert, muss weder kämpfen noch aushalten.
Wenn eistung kippt, meldet sich der Konflikt – als Einladung, den Flow neu auszurichten.
Nutze diesen Impuls, um deine Führungskompetenz auf die nächste Stufe zu heben. Es ist die Meisterschaft der inneren Regulation, die wahre äußere Wirksamkeit ermöglicht.
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Wissenschaftliche Referenzen
[1] Botvinick, M. M., Braver, T. S., Barch, D. M., Carter, C. S., & Cohen, J. D. (2001). Conflict monitoring and cognitive control. Psychological Review, 108(3), 624–652.
[2] Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.
[3] Ulrich, M., Keller, J., & Grön, G. (2014). Neural correlates of flow experience. Human Brain Mapping, 35(1), 376–391.
[4] Hümmeke, F. (2023). Follow Your Flow: Mit neuester Forschung und erprobten Praxistipps wirklich wirksam und zufrieden werden. GABAL Verlag.